In alten Zeiten, viele Jahrhunderte vor Christi Geburt, pflegten sich in Indien ernsthafte Gottsucher aus dem tätigen weltlichen Leben zurückzuziehen und in äußerster Einfachheit im Wald in Einsiedeleien oder Ashrams zu leben. Es war vorgeschrieben, daß sich Eheleute nach einem praktischen Leben in der Familie, wenn ihre Kinder erwachsen waren und sie ihr erstes Enkelkind auf den Knieen gewiegt hatten, aus der Welt zurückziehen und sich religiöser Askese, Meditation und der Suche nach Wahrheit weihen sollten. Sie suchten sich irgendeinen Guru oder Religionslehrer und um diesen Guru erwuchsen Waldkolonien. Einige dieser Gurus waren besonders bekannt wegen ihrer großen religiösen Demut und Macht, und zu ihnen kamen junge Menschen, sowohl um ihnen zu dienen, als auch um von ihnen Unterweisung zu erhalten. So lesen wir schon vor Buddhas Zeit von einer Anzahl berühmter Ashrams, in denen die großen Religionswahrheiten der Upanishaden formuliert wurden und von denen Gottes Segen auf alles um sie herum ausstrahlte.
Heute gibt es nur wenige Ashrams der beschriebenen Art. Aber es ist ein neuer Typ von Ashrams entstanden, vor allem durch die Ramakrishna-Mission und durch die großen Führer des Indien-Gedankens Rabindranath Tagore und Mahatma Gandhi. Diese modernen Ashrams sind keineswegs auf den Wald beschränkt, und ihr vordringliches Ziel ist auch nicht die religiöse Vollendung ihrer Mitglieder. Sie sind vielmehr Mittelpunkte der Vorbereitung auf den Pionierdienst, der aus einem disziplinierten religiösen Leben entsteht. Im Ashram gibt es überhaupt keine Kasten oder andere Schranken. Und das schöne Vertrauensverbältnis zwischen Guru und Schüler, das in den früheren Ashrams bestand, ist noch aufrechterhalten.

Diese Ashrams haben bewiesen, daß sie die Zentren fast aller religiösen, sozialen und politischen Emanzipationsbewegungen sind, die in den letzten fünfzig Jahren über das Land gegangen sind. Sie kommen aus der Eigentümlichkeit des Volkes und sind der Ausdruck für vieles, was im indischen Leben am höchsten gilt.
Es ist jetzt dreißig Jahre her, seit die drei ersten christlichen Ashrams zu arbeiten anfingen, und heute gibt es schon sechzehn verschiedene christliche Ashrams, meist in Südindien und zwei auf Ceylon. In dieser Bewegung ist das vorherrschende Motiv der Wunsch geworden, sich mit dem religiösen Erbe und den Hoffnungen der Menschen zu identifizieren, mit denen und für die wir arbeiten, und das christliche Leben in einer Art auszudrücken, die ihr Wesen anspricht. Jesus, der selbst die Gestalt eines Dieners angenommen und sich mit so großer Liebe und Vertraulichkeit unter seinen Schülern bewegt hat, ist dabei unser Vorbild. Manche mögen hier einwenden, daß wir auf dem gefährlichen Weg zum Synkretismus sind. Aber das hängt von unserem Glauben und unserer Erfahrung der Einmaligkeit und Macht des Evangeliums Christi ab. Wir glauben, daß das Evangelium eine lebendige Sache ist und darum nicht an den Buchstaben gebunden, sondern fähig, den Nöten und Besonderheiten seiner Umgebung entgegenzukommen, so daß es Indien ebenso wahrhaft wesensmäßig werden kann wie anderen Ländern.
Auf diese Weise ist einer Anzahl tätiger Christen - Indern sowohl wie Nicht-Indern - der Gedanke an das christliche Ashram gekommen, und in verschiedenen Fällen ist die Gründung durch eine tiefe Freundschaft zwischen Indern und Nicht-Indern zustandegekommen. Darüber hinaus hat sie den Nicht-Indern das Vorrecht gegeben, in echter Kameradschaft mit Indern und doch unter ihrer Führung zu arbeiten. So betont das christliche Ashram das Leben aus der christlichen Wahrheit in Gemeinschaften, die die Schranken der Rasse, Kaste und Kultur überwinden. Sie streben danach, die Liebe Gottes in Christus im Leben der Ashram-Familie auszudrücken und zu sorgen, daß sein Kreuz in den Opferdienst, den sie gemeinschaftlich ausführen zurückstrahle. So ist das Leben der Mittelpunkt und das Predigen folgt als sekundärer, aber nichtsdestoweniger notwendiger Teil jenes Lebens.

In den christlichen Ashrams gibt es gewisse Grundsätze, die wir uns immer vor Augen zu halten bemühen. Der erste ist, daß Gebet und Andachtsleben zentral sein müssen und daß unsere Aktivität und unser ganzes Tagewerk nur die Frucht sein sollten. Wir müssen uns bewußt aus Ihm nähren, wenn Seine Macht und Liebe Kette und Schuß im Gewebe unseres Lebens sein soll. Um dieser fortdauernden engen Beziehung willen ist es wesentlich für uns, bestimmte Zeiten des Tages auszusparen, in denen unser Körper, Geist und Seele gemeinschaftlich oder einzeln auf den Gottesdienst konzentriert werden können.
Unser Gottesdienst muß Frucht tragen im Gehorsam gegen Christi Wort und besonders gegen Seinen großen Befehl, uns gegenseitig so zu lieben, wie Er uns geliebt hat, Das besagt eine tiefe Fürsorge füreinander, eine Bereitschaft, sich gegenseitig von ganzem Herzen zu vergeben, einer des anderen Last zu tragen und so zu leben, daß einer sich auf den anderen verläßt. Die Liebe Christi allein kann uns zu etwas machen und wir sehnen uns danach, daß viele Menschen aus anderen Ländern mit uns an dieser Bruderschaft der Liebe teilnehmen mögen.
Der dritte Grundsatz ist der des Dienstes an unseren Nächsten im Geiste Christi. Da die große Mehrheit des indischen Volkes sehr arm ist, meinen wir, daß wir ihnen nur dann wahrhaft dienen können, wenn wir die Einfachheit ihres Lebens teilen. Die Art unseres Dienstes wird den Gaben entsprechen, die Gott uns gegeben hat, und die verschiedenen Ashrams haben verschiedene Dienste, um den besonderen Nöten der Menschen um sie zu begegnen. Zum Beispiel hat in Poona das Christa Prema Seva Sangha die besondere Berufung, vor den Studenten jener Stadt zu zeugen; darum betreiben sie ein Studenten-Hotel. Im Christava Ashram in Kottay,am haben sie ein Balagram entwickelt, das ist ein Heim und eine Gewerbescbule zur Erfassung der Straßenjungen. Das Christa Sishya Ashram eröffnet ein Erziehungs-Förderungswerk für zwei sehr zurückgebliebene Stämme in den Ausläufern der Nilgiri-Berge, und in dem Christu-Kula Ashram (Tirupattur) haben wir uns auf den Dienst unter den Dorfbewohnern mittels eines Hospitals, einer Schule und eines ländlichen Förderungswerkes konzentriert. Evangelisation (ebenso durch persönliche Gespräche wie durch Singen und Predigen), Unterricht und Erziehung christlicher Arbeiter und der Fürbitte-Gottesdienst, alles findet einen natürlichen Platz im Tagewerk der Ashrams.

Das vierte Prinzip ist schwieriger zu erklären; denn es besteht in dem Versuch, jene Lebens- und Andachtsformen zu aktivieren, in denen das indische Herz Jahrhunderte lang nach Gott gestrebt hat. (Apostelgeschichte 17, 27.) Das umfaßt solche Probleme wie: Sich nicht an die Dinge der Welt hängen (Joh. 2, 15, 17), Kontrolle über unsere körperlichen Triebe (1. Kor. 6, 13), Ahimsa, d. i. Arglosigkeit gegen Menschen und Tiere (Römer 12, 19-21), freiwilliger Dienst (ohne Bezahlung) als Opfer für Gott (1. Kor. 9, 18) usw.
Möglicherweise werden diese Dinge konkreter, wenn ich versuche, über das Leben in dem Christu-Kula Ashram in Tirupattur zu berichten, den Dr. Jesudason und ich vor dreißig Jahren gründeten. Wir haben ein Tagesprogramm entwickelt, in dem die Zeiten für Gebet und Meditation einen zentralen Platz einnehmen. Am frühen Morgen gegen 5.15 Uhr treffen wir uns zu gemeinsamem Gottesdienst in unserem Andachtsraum, dem eine Zeit des Einzelgebets und der Meditation folgt. Zu Mittag läutet die Gebetsglocke wieder und fordert uns auf, einige Minuten innezuhalten, um uns an Gottes Gegenwart zu erinnern. Und abends, genau zu Sonnenuntergang, sitzen wir im Freien in einem großen Kreis zusammen und vereinen uns nach einer Lobhymne in stiller Meditation und Andacht. Bevor wir uns gegen 9 Uhr zurückziehen, treffen wir uns wieder zu gemeinsamem Gebet und Fürsprache.
Unsere Ashram-Familie ist allmählich gewachsen und umfaßt jetzt Mitglieder verschiedener Nationalitäten und Sprachen und von verschiedener wirtschaftlicher und erziehungsmäßiger Herkunft. Wir haben auch verschiedene Denominationen und für gewöhnlich auch einen oder zwei, die Sucher aus anderen Glaubensgemeinschaften heraus sind. Vier von uns sind zu lebenslänglicher Mitgliedschaft des Ashram verpflichtet, andere sind für ein oder mehrere Jahre als Volontär bei uns, einige auch als Besucher. Unsere Zahl schwankt zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig. Wir teilen unsere einfachen indischen Mahlzeiten miteinander, während wir auf dem Fußboden sitzen und auf indische Weise mit den Fingern essen und einer oder zwei von uns abwechselnd bedienen. Diese Mahlzeiten sind oft Zeiten glücklichsten Gelächters und Scherzens, aber während einiger Essen bewahren wir Schweigen und einer ist dazu bestimmt, uns ein gutes Buch vorzulesen. Wir tragen auch einfache indische Gewänder und Sandalen, die nicht nur unser Gemeinschaftsgefühl stärken, sondern uns auch unter unseren ländlichen Nachbarn und Freunden heimisch machen.

Aber Nächstenliebe ist nicht nur eine Angelegenheit des Teilens materieller Lebensbedürfnisse miteinander, die wirklichen Nöte kommen, wenn man lernt, die unterschiedlichen Begabungen und Tätigkeitsweisen gegenseitig zu achten, im treuen Miteinanderarbeiten, im Sich-gegenseitig-gehorchen während des gemeinsamen Lebens und Dienens und darin, den anderen für besser als sich selbst anzusehen. Wie leicht können kleine Eifersüchteleien und Empfindlichkeiten. entstehen, und wir können nur durch den Heiligen Geist, der Gottes Liebe in unsere Herzen ergießt, lernen, uns unsere Fehler gegenseitig einzugestehen und uns aus ganzem Herzen zu vergeben. So bemühen wir uns, die Eintracht des Geistes zu erhalten und zugleich Friedensstifter und Versöhner zu sein.
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