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Teil 2 Vor

Quatember

"Sehet, das Lamm Gottes ..."
von Jürgen Boeckh
(Teil 1)


LeerZum 50. Jubiläum der Evangelischen Michaelsbruderschaft hat Beda Müller, Benediktiner der Abtei Neresheim, in unserer Zeitschrift einen Aufsatz über die "Fortdauer der Realpräsenz", die bleibende Gegenwart Christi in Brot und Wein der Eucharistie, (45. Jg. 1981, H. 3, S. 152-160), geschrieben. Dieser Aufsatz war als Anfrage an die Evangelische Kirche gedacht. Aber "die" evangelische Kirche gibt es nicht, sondern nur sehr verschiedene evangelische Kirchentümer. Darum hat Beda Müller die Michaelsbruderschaft angesprochen, in der evangelische Christen aus verschiedenen Kirchen vereint sind - wohl in der Hoffnung, daß eine kleinere Gemeinschaft, die in Gespräch und Gebet mit katholischen Christen verbunden ist, leichter eine Antwort geben könnte. Diese Hoffnung ist nicht unberechtigt. Man kann kaum erwarten, daß die evangelischen Landeskirchen im deutschen Sprachraum in ihren offiziellen Organen die von Beda Müller angeschnittene Frage aufgreifen und sich bemühen - und darum geht es ihm doch wohl -, zu einer neuen Antwort zu kommen. Es läßt sich auch nicht übersehen, daß für die meisten Protestanten die Frage nach der Fortdauer der Realpräsenz vollkommen im Abseits liegt. Leider hat der von unserem benediktinischen Freund zitierte Mitbruder recht: "Die einen halten mit dem eucharistischen Brot eine Fronleichnamsprozession, die anderen erlauben sich, beim Krankenabendmahl den übriggebliebenen Wein in den Ausguß zu schütten." Wir müssen hinzufügen: nicht nur beim Krankenabendmahl!

LeerUm so mehr ist es zu begrüßen, daß in der von der "Gemeinsamen römisch-katholischen/evangelisch-lutherischen Kommission" verfaßten Schrift "Das Herrenmahl" (Paderborn/Frankfurt a. M. 5. Aufl. 1979 S. 88-90) ein Exkurs über "Die Gegenwart Christi in der Eucharistie im Blick auf die Dauer der sakramentalen Gegenwart Christi" zu finden ist. Beda Müller hat darauf hingewiesen und dabei festgestellt, daß "erstaunliche Übereinstimmungen zu erkennen" sind, "aber die Distanz zwischen den beiden Auffassungen . . . noch erheblich" ist.

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LeerEinige Leser haben auf die Ausführungen von Beda Müller geantwortet (46. Jg. 1982, H. 1, S. 12-14, 60 f., H. 4, S. 252). Ein Leser hat seine - recht polemische - Antwort, die schon gesetzt war, vor Herstellung des vorletzten Heftes zurückgezogen (man sieht: diese Frage ist noch immer ein "heißes Eisen"!). Eine wenn auch kurze, aber in diesem Fall ausreichende Antwort des altkatholischen Theologen Sigisbert Kraft, war im vorigen Heft (S. 97 f.) zu lesen. Dieser der Michaelsbruderschaft "zugeordnete Bruder" hat darauf hingewiesen, daß "wir die aufbewahrten eucharistischen Gaben nicht nur in der römisch-katholischen Kirche, sondern auch bei Orthodoxen, Anglikanern und Altkatholiken" finden (bei den Orthodoxen freilich ohne die "Aussetzung" in der Monstranz). Es ist immer gut, wenn Protestanten sich dessen bewußt werden, daß manches, was in Lehre, Kultus und Frömmigkeit bei römischen Katholiken deutlich abgelehnt wird, auch bei anderen Christen, besonders in der Orthodoxie, anzutreffen ist. Wichtig erscheint mir der Hinweis von Sigisbert Kraft, "daß die Aufbewahrung der eucharistischen Speise in Taizé auch für viele, zumeist junge Menschen aus reformatorischen Kirchen ebenso unproblematisch erscheint wie der dort geübte Brauch, nicht täglich die Feier zu begehen, sondern die Austeilung der Heiligen Gaben an Wochentagen mit dem Morgengebet zu verbinden." Wird daran nicht deutlich, daß sowohl theologische Rechtfertigung als auch theologische Verurteilung einer bestimmten Frömmigkeitsform zweitrangig sind? Ich finde es gut, daß Beda Müller in seinem Aufsatz an einigen Beispielen gezeigt hat, was die eucharistische Gegenwart des Herrn auch außerhalb der Messe für bestimmte einzelne Menschen bedeutet hat und bedeutet.

LeerWenige Jahre nach meiner Konfirmation, als das Heilige Abendmahl schon in meinem Leben eine Bedeutung hatte, nahm ich einmal an einer römischen Messe teil. Es lag überhaupt nicht in meinem Gesichtkreis, dort zur Kommunion zu gehen. Dennoch war ich nicht nur "Beobachter". Daß ich, mit einem Mal, ganz "dabei" war, geschah, als der Priester die konsekrierte Hostie erhob und dabei die Worte sprach: "Ecce Agnus Dei, ecce qui tollit peccata mundi - Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt." Diese liturgische Geste verhalf mir dazu, (ich weiß, sie ist historisch gesehen viel jünger als die Anbetung des Allerheiligsten außerhalb der Messe), Jesus, Gottes Lamm, etwa so gegenüber zu stehen, wie es Thomas von Aquin in seinem Hymnus in Worte gefaßt hat:
"In Demut bet ich dich, verborgene Gottheit an,
die du den Schleier hier des Brotes umgetan.
Mein Herz, das ganz in dich anschauend sich versenkt,
sei ganz dir untertan, sei ganz dir hingeschenkt."
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Leer"Te contemplans" heißt es im lateinischen Text. Wenn diese Kontemplation - Beda Müller spricht von Meditation - in der eucharistischen Feier möglich ist - warum soll sie dann nicht auch nach der Messe möglich sein; nicht notwendig, aber möglich? Die Eucharistie, darin sind Kirche lutherischer Reformation und römisch-katholische Kirche sich einig, hat sowohl einen vertikalen als einen horizontalen Aspekt. Dieser bedeutet Gemeinschaft der Brüder und Schwestern in, mit und durch Jesus Christus, jener Gemeinschaft mit Jesus Christus, der in, mit und unter Brot und Wein in besonderer Weise gegenwärtig wird. Welcher Aspekt zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten, in einer bestimmten kirchlichen Gemeinschaft und im Bewußtsein der einzelnen Christen vorherrschend ist, mag verschieden sein. Grundsätzlich ist der eine nicht von dem anderen zu trennen. Wenn wir heute oft die eucharistische Feier mit einer Agape verbinden, so ist das eine Ausziehung der "Horizontalen". In der "Anbetung vor dem Allerheiligsten" wird demgegenüber die "Vertikale" auch über die Feier der Messe hinaus im Auge behalten. Protestanten, die theologische Bedenken gegenüber einer solchen Praxis der Frömmigkeit haben, könnten gerade von der Meditation her dafür Verständnis bekommen, gewissermaßen also den Weg, den Beda Müller als seinen eigenen heschreibt (von der Meditation vor dem Tabernakel in die Zelle und in den Meditationsraum) in umgekehrter Richtung gehen - oder zumindest verstehen lernen.

LeerProtestanten haben die Anbetung vor dem Allerheiligsten gelegentlich als "Götzendienst" oder zumindest als "Materialisierung des Glaubens" bezeichnet. Wir sollten uns darüber im klaren sein, daß für den Außenstehenden, für den gottgläubigen Idealisten, ebenso für den Juden und den Moslem, auch der Glaube an den während der Messe in Brot und Wein gegenwärtigen Christus Materialisierung des Glaubens ist - wie von Atheisten der im christlichen Sinne wahre Glaube (im Unterschied zum Aberglauben) auch nur als "religiöser Aberglaube" angesehen wird. Wenn getrennte Christen, besonders Theologen, sich häufiger klarmachen würden, wie ihre Kontroversen auf Außenstehende wirken, würden sie wahrscheinlich einander besser verstehen und auch Frömmigkeitsformen tolerieren, die nicht die eigenen sind.

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LeerBeda Müller gibt offen zu, daß für eine Begründung der in der römisch-katholischen Kirche vorhandenen Praxis - Anbetung vor dem Allerheiligsten, Sakramentsandacht, Fronleichnam - der biblische Befund nicht ausreicht. Für viele evangelische Christen setzt er sich mit dieser Aussage schon ins Unrecht; sägt er selbst schon den Ast ab, auf dem er sitzt. Denn was nicht mit Bibelstellen belegt werden kann, so meint mancher, darf in der Kirche nicht sein. Mehr oder weniger neigt ja jede Konfessionskirche - und erst recht jede Sekte - dazu, sich selbst als die legitime Fortsetzung des Christentums der ersten Stunde anzusehen, die eigene Sonderentwicklung mit der Heiligen Schrift zu beweisen, die Eigenheiten der anderen Kirchen jedoch mit der Heiligen Schrift zu widerlegen. Aber weder der Kult der heiligen Bilder in der Orthodoxie noch das römische Papsttum, noch das reformatorische Schriftprinzip sind notwendige Konsequenzen des frühen Christentums - was würde Petrus zum Papst sagen, Paulus zum Neuen Testament als Buch, Johannes zur orthodoxen Liturgie? Dennoch läßt sich nicht leugnen, daß die verschiedenen christlichen Konfessionen, Riten und Frömmigkeitsformen verborgen schon in dem sehr vielfältigen Neuen Testament enthalten sind.

LeerFür die Entfaltung der eucharistischen Verehrung wird meist der Wandel in der Auffassung der Eucharistie, das theologische Nachdenken über die Realpräsenz und schließlich die Transsubstantiationslehre verantwortlich gemacht. "Die theologischen Überlegungen über die Realpräsenz begünstigten die Entfaltung der Ehrfurcht dem Leib Christi gegenüber", lesen wir bei Aimé-Georges Martimort (Handbuch der Liturgiewissenschaft, Bd. I, Freiburg 1963, S. 477). Das heißt: Die neue Frömmigkeitspraxis ist nicht nur eine Folge theologischer Überlegungen. "Legem credendi lex (statuit) supplicandi - das Gesetz des Betens führt zum Gesetz des Glaubens", heißt es bei Prosper von Aquitanien. Die Verehrung des in der Hostie gegenwärtig geglaubten Christus ist von der Kirche aufgenommene Volksfrömmigkeit. Sie ist zum eigentlichen Gottesdienst, der Messe hinzugekommen, wenn sie auch aus ihm herausgewachsen ist. Die Anbetung des eucharistischen Christus hat sich im Hochmittelalter in dem Maße verbreitet und verstärkt, als die Kommunion der Gläubigen abgenommen hat. Es ist evangelischen Christen -- und sicher auch vielen Katholiken - meist nicht bekannt, daß das ausgehende Mittelalter eine kommunionarme Zeit war. Für die Diözese Eichstätt zählte man einmal in der zweiten Häfte des 15. Jahrhunderts nur 100 Kommunionen im Jahre außerhalb der österlichen Zeit. Der reformatorische Protest (Luther wollte die Gemeinde-Kommunion!) hat zunächst in der römisch-katholischen Kirche nicht zu einer wesentlichen Förderung der Kommunionfreudigkeit geführt, im Gegenteil durch die Gegenreformation und die Frömmigkeit des Barock-Zeitalters wurde die Anbetung des eucharistischen Christus noch gesteigert und den evangelischen Christen - besonders durch die antiprotestantische Tendenz der Feier des Fronleichnamsfestes in der Öffentlichkeit - zu einem immer neuen Anstoß.

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LeerIch frage mich immer, wenn ich eine Sonderentwicklung auf römisch-katholischer Seite bedenke, ob es auf unserer Seite etwas Entsprechendes gibt. Joachim Stoelzel hat schon darauf hingewiesen, daß dem Tabernakel in katholischen Kirchen die feierlich ausgelegte Altar-Bibel im Protestantismus entspricht, - und beides abgelehnt (46. Jg. / 1982, H. 1, S. 60). Die römische Ritenkongregation hat übrigens erst im Jahre 1863 entschieden, das Tabernakel müsse unbeweglich mitten auf dem Altar, in der Regel dem Hochaltar, angebracht werden. Damit war eine Entwicklung kirchlich legitimiert, die in der Gotik begonnen hatte, durch den Gegensatz zur Reformation gefördert wurde und im Barock ihren Gipfelpunkt erreicht hatte: Der Altar war nicht mehr in erster Linie Tisch des Herrn, sondern Thron des eucharistischen Christus. Trotz aller Gegensätzlichkeit hat aber der Protestantismus etwas Entsprechendes vollbracht: Im 17. / 18. Jahrhundert setzte sich der Kanzelaltar immer mehr durch: Der Prediger steht über dem Altar und schränkt auf diese Weise seine zentrale Bedeutung als Tisch des Herrn ein. Als Kuriosum ist es zu betrachten, daß etwa zur gleichen Zeit, als Rom den Tabernakel auf den Hauptaltar fixierte, in der evangelischen Kirche der altpreußischen Union verfügt wurde, eine Altar-Bibel auf den Tisch des Herrn zu legen. Sehr oft wurde und wird aus der Altar-Bibel nicht gelesen, da sie zur Handhabung zu groß und in der Sprache überaltert ist. - Durch die Liturgische Bewegung in der römisch-katholischen Kirche und schließlich durch die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils ist der Altar wieder als Tisch des Herrn - frei von Tabernakel und Retabel - ins Bewußtsein der Gläubigen gerückt worden. In den evangelischen Kirchen hat es ein entsprechendes Umdenken gegeben, das im Kirchenbau und in der gottesdienstlichen Praxis auch Folgen gezeitigt hat.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
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