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Zurueck Teil 1

Quatember

"Sehet, das Lamm Gottes ..."
von Jürgen Boeckh
(Teil 2)


LeerAber ist erst die zur Schau gestellte Altar-Bibel als Gegenstück zum Tabernakel zu betrachten? "Statisch" gegenüber der ursprünglich mündlichen Überlieferung des Evangeliums und dem ad-hoc-Charakter der apostolischen Briefe ist doch schon ihre Festschreibung, ist die Festlegung eines Kanons des Neuen Testamentes (trotz Paulus, 2. Kor. 3!) und schließlich die Zusammenfassung in einem Buch - was nicht einen dynamischen Gebrauch dieses Buches ausschließt. Martin Luther hat von dem "Hörewort" gesprochen. Als solches erklang es im Gottesdienst der versammelten Gemeinde. Eine Parallele zur Anbetung des einzelnen Christen vor dem Tabernakel ist das Lesen der Schrift durch den einzelnen, dem Luther sie in die Hand gegeben hat, außerhalb des Gottesdienstes. Ein Unterschied besteht allerdings darin, daß der evangelische Christ mit der Bibel oft aus der Kirche ausgezogen ist, während der katholische Christ den eucharistischen Christus in der Kirche verehrt, ja diese gerade deswegen als Gotteshaus hochschätzt.

LeerIn den orthodoxen Kirchen des Ostens, darauf hat Sigisbert Kraft hingewiesen, ist die Aufbewahrung der eucharistischen Gaben auch allgemein üblich. Das heilige Brot der Eucharistie wird im αρτοφοριον (= Brotträger), im κιβωρος (= Sarg) oder in einem περιστεριον (Behälter in Gestalt einer Taube) verwahrt - ein Brauch, der seit dem 9. Jhd. auch in Frankreich und dem Rheinland bekannt ist, in Verdun erst 1823 abgeschafft wurde und in Amiens noch in unserer Zeit bezeugt wird. Im Osten gibt es allerdings keine Anbetung vor dem Allerheiligsten und auch keine Sakramentsandacht und kein Fronleichnamsfest. Sollte das Aufkommen der Verehrung und Anbetung des eucharistischen Christus im Abendland damit zusammenhängen, daß hier im Zuge der Trennung von den Kirchen des Ostens, die im Jahre 1054 öffentlich von den Abgesandten Roms in Konstantinopel erklärt wurde, ein "Ersatz" für die Verehrung der heiligen Bilder im Osten geschaffen wurde? Obwohl Rom mit den Kirchen des Ostens sich zum VII. Ökumenischen Konzil bekannte (und bekennt), wurde im Abendland das Kultbild immer mehr durch das Andachtsbild verdrängt, trat die pädagogische Begründung der Bilder anstelle ihrer liturgischen Funktion. Dabei ist nicht zu vergessen, daß das heilige Bild für den orthodoxen Christen sowohl in der Liturgie, bei der Versammlung des Volkes Gottes, als auch in der Frömmigkeit des einzelnen, durch Verehrung im Gotteshaus und im eigenen Hause eine doppelte Bedeutung hat. Vielleicht können wir in der Christus-Hostie das neue, zentrale Kultbild, oder besser: Kultsymbol des Abendlandes, eine Parallele also zur Ikone sehen. Damit soll nicht bestritten werden, daß auch im Westen das eigentliche Kultbild weiter eine Rolle spielte und noch spielt.)

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LeerWährend die orthodoxen Kirchen trotz jurisdiktioneller Trennungen in Kultus und Frömmigkeit noch weitgehend eine Einheit darstellen, ist heute nicht nur im Protestantismus, sondern in der ganzen westlichen Christenheit (ob sie geographisch im "Westen" beheimatet ist oder nicht) also auch in der römisch-katholischen und alt-katholischen Kirche und in der anglikanischen Kirchengemeinschaft eine Pluralität von Glaubensweisen (um diesen Begriff Martin Bubers zu gebrauchen) und Frömmigkeitsformen innerhalb der einzelnen Konfessionskirchen festzustellen. Es gibt "protestantische" Katholiken und "katholische" Protestanten. Eine Einigung der getrennten Kirchen in der Lehre, z. B. im Blick auf die "Fortdauer der Realpräsenz", ist zur Zeit kaum vorstellbar. Die Anfrage von Beda Müller ist darum, wenn überhaupt, dann nur durch eine theologisch-vorurteilsfreie praxis pietatis zu beantworten. Wenn junge evangelische Christen in Taizé, wie berichtet, unbefangen an einer Anbetung vor dem Allerheiligsten teilnehmen, und ihnen dafür kein Prozeß gemacht wird, sollte das nicht anderswo auch möglich sein? Ist ein evangelischer Christ aufgrund der Entscheidungen seiner Kirchenväter verpflichtet, als aufrechter Protestant stehen zu bleiben, wenn katholische Mitchristen bei der Fronleichnamsprozession vor dem Allerheiligsten niederknien und damit niemanden anderen zu ehren willens sind als Jesus Christus, den Herrn und Heiland aller Christen?

LeerFriedrich Heiler hat von der lutherischen Our Saviour Church in New York berichtet (Kirchliches Leben in den USA, Eine heilige Kirche Jg. 1957/58, H. 1, S. 13): "In dieser Kirche befindet sich ein Tabernakel, der aber in sinniger Weise als Gegenstück zur Bibel angebracht ist; rechts vom Altar ist die Bibel, links ein Sakramentshäuschen; vor beiden brennt das ewige Licht." Ist so etwas auch in einer evangelischen Kirche in Deutschland denkbar?

LeerBeda Müller hat in seinem Aufsatz noch mehr Fragen angesprochen, die mit Praxis und Lehre des heiligen Mahles zusammenhängen, wie die Kinderkommunion und das geistliche Amt. Ich konnte nicht einmal auf alle Fragen eingehen, die mit der Fortdauer der Realpräsenz zu tun haben. Als Ermunterung zu weiteren Gesprächen in der Michaelsbruderschaft, mit anderen evangelischen, mit altkatholischen Christen und mit Brüdern und Schwestern aus der römisch-katholischen Kirche versuche ich jedoch, in die folgenden Thesen auch das mit hineinzunehmen, was im einzelnen hier noch nicht erörtert wurde:
  1. Die Verehrung der eucharistischen Gestalten außerhalb der Messe, in der Anbetung durch den einzelnen, in der Sakramentsandacht oder bei der Fronleichnamsprozession, ist nach der Lehre der römisch-katholischen Kirche sekundär und nur in Abhängigkeit von Messe und Kommunion zu sehen. Daß dies in neuester Zeit häufig betont worden ist, daß die Messe mit Kommunion der Gläubigen in den Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens der Kirche und des geistlichen Lebens der Gläubigen gestellt wurde, ist vom ökumenischen Gesichtspunkt her ausdrücklich zu begrüßen.
  2. Die Verehrung der eucharistischen Gestalten wird aus dem ökumenischen Gespräch meist ausgeklammert - einmal, weil sie tatsächlich nicht zum Zentrum christlichen Glaubens und Lebens gehört, zum anderen, weil sich an ihr (in erster Linie im Zusammenhang mit dem in der Öffentlichkeit gefeierten Fronleichnamsfest) konfessionelle Zwietracht in konfessionell gemischten Gebieten immer wieder entzündet hat. Nachdem die theologische und liturgische Entwicklung in der römisch-katholischen Kirche die zentrale Bedeutung der Feier der Eucharistie herausgestellt hat und konfessionelle Empfindlichkeiten weitgehend abgebaut sind, ist es auch an der Zeit für ein Gespräch über diesen Punkt.
  3. Wenn auch gerade in der römisch-katholischen Kirche besondere Frömmigkeitsformen sich entwickelt haben, die theologisch und kirchlich legitimiert worden sind, so ist doch der Glaube an die Fortdauer der Realpräsenz keineswegs auf die römische Kirche beschränkt. Er ist auch in den orthodoxen Kirchen, der alt-katholischen Kirche und zum Teil im Anglikanismus anzutreffen, und damit zumindest die ehrfürchtige Behandlung der eucharistischen Gestalten nach der Messe und die Krankenkommunion ohne Messe.
  4. Im Protestantismus wird das Krankenabendmahl in der Regel oder immer (? ) als, wenn auch verkürzte, Eucharistiefeier mit Kommunion gehalten (Ausnahme: W. Lotz, Agende für die Seelsorge an Kranken und Sterbenden, Kassel 1949, empfiehlt auch "Die Spendung des Sakraments an Kranke, Alte und Sieche im Hause im Anschluß an den Gottesdienst"). Wenn Menschen nicht in der Eucharistiefeier so "zu Hause" sind, um sie auch außerhalb des Gotteshauses innerlich vollziehen zu können, so hat die protestantische Praxis durchaus ihre Berechtigung. Wir sollten jedoch bedenken, daß Krankenkommunion als Teilnahme an der Eucharistiefeier der versammelten Gemeinde schon aus der frühen Kirche überliefert ist. Die Fortdauer der Realpräsenz war jahrhundertelang ohne theologische Reflexion den Christen eine Selbstverständlichkeit.
  5. Auch die ehrfürchtige Behandlung der Elemente nach dem eucharistischen Gottesdienst ist nicht erst durch eine besondere Lehre über die Realpräsenz oder durch kirchliche Vorschriften zustande gekommen. Sie war zunächst eine Folge der Art und Weise, wie die konsekrierten Gaben innerhalb der Feier geachtet wurden. Für Martin Luther ist sie selbstverständlich gewesen (Belege in "Das Herrenmahl", S. 88 f.). Wenn im Protestantismus die verbleibenden Elemente oft weniger geachtet werden als das "tägliche Brot", so ist das nur aus einer theologisch-theoretisch begründeten Gegenposition zu erklären.
  6. Peter Brunner erklärt die sorgsame Behandlung, die Martin Luther den Elementen nach dem Heiligen Mahl angedeihen ließ, damit, "daß die Kreatur, die von Christus in die sakramentale unio hineingenommen war, Anspruch auf eine ehrfürchtige Behandlung hat, die sich von der Ehrfurcht, die wir vor jedem Stück Brot als einer Gabe Gottes haben, noch unterscheidet" (Leiturgia, Bd. I, Kassel 1954, S. 241). Wenn in den evangelischen Kirchen nach diesem Maßstab verfahren wird, auch wenn es dort keine Lehre von der Fortdauer der Realpräsenz gibt, sollte es den katholischen Christen genügen.
  7. Ebensowenig wie die lutherische Lehre von der Verbalinspiration notwendig ist, um in der Heiligen Schrift Gottes Wort zu erkennen, ist die Transsubstantiationslehre eine unabdingbare Voraussetzung für den Glauben an den in Brot und Wein gegenwärtigen Christus. Deshalb muß die Ablehnung der Transsubstantiationslehre nicht dazu führen, die Ehrfurcht vor den konsekrierten Gaben und die auf Christus gerichtete Anbetung grundsätzlich abzulehnen.
  8. Die Anbetung des in der konsekrierten Hostie gegenwärtig geglaubten Christus kann als eine zentrale Form der Kontemplation verstanden werden, in der das Abendmahlsbrot Symbol für Christus, das Lamm Gottes, ist. Sie hat als Meditationsandacht des einzelnen ebenso einen Sinn wie die Bibel in der Hand des einzelnen Christen zum "Hören" des Wortes. Im Unterschied dazu ist die Sakramentsandacht einer versammelten Gemeinde als fragwürdige Konkurrenz zur Gemeindemesse anzusehen.
  9. Wenn die römisch-katholische Kirche ihre Gläubigen nicht verpflichtet, eine besondere eucharistische Verehrung außerhalb der Messe zu pflegen, so sollten, auf der anderen Seite, evangelische Christen die Freiheit haben, unbefangen an einer solchen Verehrung als einzelne oder in einer Gemeinschaft teilzunehmen, oder sie auch in ihrem eigenen Raum zu praktizieren.
  10. Katholische Christen erwarten, daß in der Evangelischen Kirche mit den Abendmahlsgaben auch nach dem Gottesdienst in ehrfürchtiger Weise umgegangen wird. Kann daraus der Schluß gezogen werden, daß auch sie in den in einem evangelischen Abendmahlsgottesdienst konsekrierten Gestallen Brot und Wein den in besonderer Weise gegenwärtigen Christus erkennen?
Quatember 1982 (S. 219-227)
© Dr.theol. Jürgen Boeckh


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
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