"Wir bitten in diesem Gebet, daß es uns lasse erkennen und mit Danksagung empfangen unser täglich Brot" (Anm. 1). "Das tägliche Brot erkennen" heißt es erkennen und anerkennen als das, was es ist. Es ist nämlich in einer besonders eindringlichen Weise zugleich der Ertrag menschlichen Fleißes und jenseits aller menschlichen Bemühungen die Gabe des Schöpfers an seine Geschöpfe. Wir sind wahrscheinlich mehr als irgendein früheres Geschlecht in Gefahr, das Produkt menschlicher Arbeit und die Voraussetzung aller unserer Arbeit in den schöpfungsmäßigen Urgegebenheiten (den "Ur-Sachen"), also Technik und Kreatur, zu verwechseln. Die Nürnberger Schuljungens, die über die Herkunft des Brotes schlechterdings nichts anderes zu sagen wußten, als daß es aus der "Brotfabrik" komme, sind in einer unheimlichen Weise typisch für diese Unfähigkeit, das Nicht-gemachte, schlechthin Gegebene, das nicht vom Menschen, sondern von Gott Hervorgebrachte, mit einem Wort gesagt: das Geschaffene überhaupt als solches wahrzunehmen und zu achten. Der erschütternde Satz, den heute die Schulkinder in dem China Mao-Tse-tungs lernen, "Betet nicht den Himmel an und nicht die Erde; betet nur die Macht der Arbeit des Volkes an" (Anm. 2), ist der echte Ausdruck für diesen Zustand des Menschen, in dem er das Werk Gottes, das er nur zerstören, aber in keiner Weise hervorbringen kann, hinter der imponierenden Fassade seines eigenen Werkes nicht mehr wahrzunehmen vermag. Indem der Mensch das "Vater unser" und in dessen Mitte die 4. Bitte betet, erkennt er an, daß in seinem täglichen Brot, so gewiß er es "erarbeitet" und in diesem Sinne "verdient" hat, etwas zu ihm kommt, was er in keinem Sinn machen oder beanspruchen, sondern nur ehrfürchtig und dankbar entgegennehmen kann. Mag das Tischgebet in unzähligen Fällen zu einer leeren und gedankenlos geübten Sitte geworden sein, so ist es doch recht verstanden die Grenzlinie, an der zwei grundverschiedene und in entgegengesetzter Richtung verlaufende Wege im Selbstverständnis des Menschen sich scheiden. Wohl verstanden: Es geht nicht in erster Linie um die eigenen und persönlichen Sorgen um das tägliche Brot, sondern u m die Anerkennung dessen, daß in den Früchten der Erde und allem, was unser leibliches Leben fristet, eine kreatürliche Gabe des Schöpfers zu uns kommt, und daß wir uns mit jedem Bissen Brot, den wir essen, nicht nur mit den Kräften der Erde und der atmosphärischen Substanzen, sondern mit der uns Menschen beschenkenden Güte der reinen Schöpfermacht Gottes verbinden. Es ist nicht auszudenken, welche Tragweite diese Erkenntnis und Anerkenntnis hat, sobald sie über den Bereich einer frommen, aber im Grunde sinnlosen und belanglosen Sitte hinaus in die Sphäre des denkenden Bewußtseins erhoben wird und dem Menschen sozusagen in Fleisch und Blut seines Menschseins eingeht.

Damit wird all die Arbeit, die an das täglich Brot gewendet wird, nicht entwertet, sondern erst in das rechte Licht gerückt. Sie ist, recht verstanden, nicht nur die Fron der harten Notwendigkeiten, der bittere Zwang, unter dem allein der arme, geplagte Mensch sein physisches Dasein fristen kann, sondern sie ist erhoben zu der Würde eines echten Dienstes an eine Werk Gottes, weil Gott - nicht erst unter dem Fluch des Sündenfalls, sondern in der Paradiesesordnung, also mit dem Menschen als Kreatur ursprünglich verbunden - die Welt so geschaffen hat, daß sie der menschlichen Arbeit, der menschlichen Pflege und Hilfe bedarf, um all das hervorzubringen, was der Schöpfer an Anlagen und Möglichkeiten in sie gelegt hat. Darum gehört die Arbeit des Bauern zu jenen Formen der menschlichen Arbeit, auf denen - bei aller Mühsal und Sorge - noch etwas von dem Glanz einer ursprünglichen, ja göttlichen Würde liegt, während bei anderen Zweigen der menschlichen Arbeit jene ursprüngliche Würde fast gänzlich überdeckt ist durch die Spuren des zerstörerischen Fluches, der auf der Arbeit des Menschen lastet, seit er sein wollte wie Gott.

Zugleich aber erinnert das "uns" in der vierten Bitte ebenso deutlich daran, daß auch in diesem Zusammenhang mit dem Kosmos und seinen Schöpfungskräften und in diesem Verständnis der irdischen Arbeit und Mühe niemals der Einzelne für sich allein, sondern immer zugleich in der echten Not- und Schicksalsgemeinschaft mit seinen menschlichen Brüdern steht. Wer egoistisch nur an sein eigenes tägliches Brot, an den für ihn gedeckten Tisch denkt, kann diese Bitte des Vater-unsers nicht in ihrem eigentlichen Sinn beten. So wie zu einer wahren Tischgemeinschaft dieses gehört, daß wir aufeinander schauen, daß einer den andern bedient und in wechselseitiger Fürsorge das Mahl zu einem täglichen Bekenntnis der Liebe und Verbundenheit wird, so ist auch im großen die rechte Verteilung dessen, was diese Erde an Urstoffen für die menschliche Nahrung und die menschliche Arbeit hervorbringt, der Prüfstein dafür, in welchem Maß wir miteinander und füreinander leben. Keine "soziale" oder "sozialistische" Ideologie vermag etwas daran zu ändern, daß das tägliche Brot, sobald es von den Menschen nicht mehr "erkannt" wird als das, was es ist, unweigerlich zum Ausgangsprodukt und Anlaß unendlicher Kämpfe wird. Es ist eine wirklichkeitsfremde Utopie, zu meinen, man könne den "Frieden" der Welt durch eine irgendwie ausgedachte gerechte Verteilung der Güter dieser Erde herstellen und erhalten, solange jenes "wir" nicht in seinem tiefsten Sinn verstanden und anerkannt wird, daß nämlich wir Menschen untereinander ebenso durch eine gemeinsame Beziehung auf den Vater in den Himmeln verbunden sind, wie wir mit den Kreaturen durch die gemeinsame Beziehung auf den Schöpfer verbunden sind.
Der Mensch, der das Vater-unser betet und begreift, warum in dessen Mitte die Bitte um das tägliche Brot ihren Ort hat, ist darum der Mensch, der sich ebenso inmitten der geschaffenen Welt wie inmitten seiner Mitmenschen an den Ort stellt, der ihm von seinem Schöpfer angewiesen und zugemessen ist.
Anm. 1: So der genaue, sehr sorgfältig erwogene Wortlaut in dem neuen Einheitskatechismus der lutherischen Kirche
Anm. 2: Barnabas, Christliche Verkündigung im kommunistischen China, München 1951, S. 30
Evangelische Jahresbriefe 1952 (S. 81-85)
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