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Teil 2 Vor

Quatember

Das Starzentum
4. Typen der Starzen
von Iwan Tschetwerikow

(Teil 1)


1. Westliche Seelsorge und das Starzentum
2. Geschichte des Starzentums
3. Asketische Vorbereitung zum Starzentum

Sergius von Radonesch
Seraphim von Sarow
Leonid u.a.
Feofan der Einsiedler

LeerDas Starzentum ist eine Wegweisung zum Frieden. Es gibt nur einen Weg zur Rettung; das ist ein Grundgedanke der Bibel, trotzdem ist aber in ihr oft von mehreren Wegen die Rede (Ps. 25,4; Jes. 2,3; Micha 4,2; Röm. 11, 33). Ein Weg ist es, weil in allen Menschen - ob bewußt oder unbewußt - das Streben zu dem einen Gott ist, denn obgleich viele Personen, sind sie alle eines Wesens als "von Gott und zu Gott" geschaffen. Die Starzen haben ihre Aufgabe nicht darin, für alle den gleichen Weg aufzuzeigen, sondern in der Variierung des einen Weges entsprechend der Individualität der einzelnen. Es ist unmöglich, den ganzen Reichtum der Weisungen der Starzen zu erfassen, aber es soll versucht werden, an den Grundtypen einen Eindruck davon zu geben. Zuerst muß das Herz von dem Starez erweckt werden, damit "die Ohren hören auf das Wort, das hinter dir her also spricht: Dies ist der Weg, denselben gehet, sonst weder zur Rechten noch zur Linken" (Jes.30, 21). Der Starez geht selbst den Weg, den er seinen Kindern zeigen will. Er ist nicht nur Berater, sondern zugleich Vorbild.

LeerAber er geht "hinterher", er zieht nicht die Menschen nach sich, er beraubt sie nicht ihres freien Willens, er achtet ihre Individualität; wenn sie folgen, so tun sie es freiwillig, gehorsam und demütig. Hier vereinen sich auf geheimnisvolle Weise Freiheit und Gehorsam. Das ist das Ziel der Arbeit aller Starzen.

LeerGrundlegend unterscheiden sich bei den Starzen vier Gruppen: 1. Die Starzen, die an den Klöstern in erster Linie für die Seelsorge an den Mönchen da waren. 2. Die außerhalb der Klöster an den Laien arbeitenden Starzen. 3. Die Starzen des Klosters Optina Pustyn, die ganz bewußt auf das russische Volk als solches eingestellt waren. 4. Die Starzen, die wegweisend für die der säkularisierten Kultur verfallenen Menschen sein wollten.

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LeerAls bedeutendsten Vertreter der ersten Gruppe kann man den hl. Sergius nennen. Er war der Sohn frommer Eltern und während seines ganzen Lebens ging ein stilles Leuchten von ihm aus. Schon als Kind zeichnete er sich durch Demut und Gehorsam aus. Er litt sehr darunter, daß ihm das Lernen in der Schule schwer fiel; als er diesen Kummer einmal einem vorüberwandernden Mönch sagte, gab ihm dieser ein Stückchen von einer Prosphora mit den Worten: "Nimm und iß, es ist dir gegeben als Zeichen von Gott, daß du durch Seine Gnade die Heilige Schrift verstehen lernen wirst". Schon mit 15 Jahren wollte er in das Kloster eintreten, fügte sich aber der Bitte seiner Eltern, bis zu ihrem Tode zu warten. Fünf Jahre später, als seine Eltern gestorben waren, verteilte er sein Erbe an seine Geschwister und die Kirche. Dann ging er mit seinem älteren verwitweten Bruder in die Tiefe des Waldes, wo sie eine Kapelle und eine Hütte bauten. Der Bruder verließ ihn, um in ein Kloster einzutreten, er aber blieb jahrelang in tiefster Einsamkeit allein, ein schweres, arbeitsreiches und streng asketisches Leben führend. Wenn er sich auch von dem städtischen Leben ganz gelöst hatte, so fanden doch die Menschen aus der Stadt bald den Weg zu ihm, um in schwierigen Fragen seinen Rat und seine Hilfe zu erbitten. .In den für Rußland kritischen Jahren 1378-1385 traten auch die Fürsten wiederholt ratsuchend an ihn heran. Einmal wurde durch sein Eingreifen ein Krieg zwischen zwei Fürstentümern verhütet, ein anderes Mal segnete er den Fürsten Dmitrij zum Kampf mit den Tataren, den dieser auch glücklich bestand. Dabei ging es dem hl. Sergius nicht in erster Linie darum, das russische Volk vom tatarischen Joch zu befreien, sondern um die Verteidigung des christlichen Glaubens, der durch die Tataren bedroht war. Er beugte sich niemals vor äußerer Macht, Kraft und Reichtum. "Ich wünsche viel mehr zu lernen als zu lehren, viel mehr zu gehorchen als zu befehlen" antwortete er den Mönchen, die ihn baten, ihr Vorsteher (Igumen) im Kloster zu werden. Als ihn Metropolit Alexeij vor seinem Tode bat, sein Nachfolger zu werden, und der Großfürst diese Bitte unterstützte, lehnte er entschieden ab. Er fürchtete die Macht als die größte Versuchung. Sein Kloster bekam viel Geld und Grundstücke geschenkt, aber er ließ alles den armen, den "Kindern des Klosters" zukommen; er und seine Mönche änderten nichts an ihrem Leben der Armut. Bis an sein Lebensende trug er alte geflickte Kleidung und zelebrierte im Talar von grobgewebtem Stoff und mit hölzernen Geräten. Auch die Verrichtung aller schweren Arbeiten gab er nicht auf; so ließ er es sich nicht nehmen, selbst das Wasser für seine Mönche aus dem Tal heraufzutragen und sie mit Brennholz aus dem Walde zu versorgen. Über die Lehre dieses Starez ist nichts bekannt, denn er hat gar nichts Schriftliches hinterlassen. Aber er selbst und sein Leben war "Wort", von dem ein großer Einfluß nicht nur auf die Mönche, sondern auch auf Bauern, Städter und Fürsten, die zu ihm kamen, ausging. Sein Schüler Paulus Obnorskii (+ 1389) wendete in dem von ihm gegründeten Kloster am Flusse Obnora eine Regel für das mönchische Leben an, mit allen asketischen Übungen, die später als Vorbereitung von den Starzen übernommen wurden. Man kann annehmen, daß es die Übungen aus dem Kloster des hl. Sergius waren und daß dieser der erste russische Starez war. Das Charakteristische in seinem Leben war die demütige Liebe, die auf alle Menschen wirkte, die mit ihm in Berührung kamen; und sie war so kraftvoll, daß sie das niedergebeugte russische Volk wieder aufrichten konnte, so daß es fähig wurde, das tatarische Joch abzuschütteln.

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LeerFür die zweite Gruppe ist besonders typisch der hl. Serafim von Sarow. Nach dem Tode des hl. Sergius erlebte Rußland in seiner Geschichte die zaristische und imperatorische Periode, die eingeleitet wurde von Iwan dem Schrecklichen einerseits und von Peter I. andererseits. Beide wollten die Idee des hl. Joseph Wolololamsk von der "Symphonie" von Staat und Kirche verwirklichen. In dieser "Symphonie" sollte aber die Hauptrolle der Staat spielen, der rücksichtslos sogenannte kirchliche Reformen einführte und die Kirchliche Ordnung im Privatleben des Volkes gewaltsam zerstörte. Dadurch kam es zu einer Spaltung der russischen orthodoxen Kirche und zugleich zu einem tiefen Riß im Volke. Um dem Eingriff in die Freiheit der Gestaltung des persönlichen Lebens zu entgehen, flüchtete ein Zeit des Volkes in die noch unbesiedelten Randgebiete des südlichen Rußlands und führte dort das freie Leben der "Kosaken". (Damals entstand in der russischen Sprache das Wort "sakasakowatj", d. i. aus sich einen Kosaken machen.) Im anderen Teil des Volkes bildeten sich Unruheherde, teils politischer Auflehnung, teils ganz intensiver Bemühungen, die Wahrheit des Lebens auf eigenen religiösen Wegen zu suchen. Aus letzteren erwachte das Starzentum zu neuem Leben, das durch Maßnahmen der Regierung Seit dem 16. Jahrhundert fast erstickt worden war. Der bedeutendste Starez dieser Periode war Serafim Sarowskij (1759 - 1833). Er stammte aus einer frommen Familie. Sein Vater war mit der Durchführung von Kirchenbauten beschäftigt. Dieser starb, als sein Sohn Prochor, der als Mönch den Namen Serafim erhielt, erst drei Jahre alt war. Er war schon als Kind sehr religiös und gut begabt. Als er 18 Jahre alt war, gab er seinen kaufmännischen Beruf auf und ließ sich von seiner Mutter für den Mönchsstand segnen. Zunächst wanderte er zu Fuß in das Höhlenkloster Kiew und trat dann auf den Rat eines dortigen Starez in das Kloster zu Sarow ein, das sehr einsam in einem tiefen Walde lag. Hier war er Novize, bis er nach sechs Jahren die Diakonenweihe erhielt. Anschließend blieb er fast ohne Unterbrechung Tag und Nacht betend in der Kirche. 1793 wurde er von Bischof Theophil, dem er als besonders fromm bekannt war, zum Priester geweiht. Ein Jahr nach dem Tode seines Starez zog er, mit Evangelium und Altargeräten zur Zelebration der Messe, mitten im Winter bei hohem Schnee in eine fünf Kilometer vom Kloster entfernte Hütte. Dort blieb er tausend Tage, meist auf steinigem Boden kniend und mit erhobenen Händen betend. Als er einmal von Räubern mit einer Axt blutig und bewußtlos geschlagen wurde, lehnte er jede ärztliche Hilfe ab und blieb fünf Monate in seiner Zelle im Kloster. Dann ging er, in gebeugter Haltung, die er bis an sein Lebensende behielt, auf den Stock gestützt, in seine einsame Hütte zurück. Hier nahm er die asketische Übung des Schweigens auf sich. Er las fleißig in der Heiligen Schrift und in religiösen Büchern und tat es meist stehend vor den Ikonen und sehr langsam mit lauter Stimme. Oft hielt er versunken inne, um die Tiefe des Sinnes zu erfassen. Seine späteren Gespräche waren ganz geboren aus dem Geiste des Evangeliums und umrankt mit Zitaten aus der Heiligen Schrift, wie der Zaun vom Epheu. Diese Übungen in Einsamkeit, Schweigen und Gebet führte der Heilige 25 Jahre durch. Dann erschien ihm die Gottesmutter und befahl ihm, die Einsamkeit zu verlassen und den Menschen zu dienen. Damit begann sein Starzentum. Er war ganz erfüllt von Liebe zu den Menschen; aber seine Liebe hatte zwei Seiten. Den armen, leidenden und schwachen Menschen neigte er sich zu in Güte und erbarmender Liebe. Alle nannte er "meine Freude" oder "meine Freunde in Gott" und jeden empfing er mit dem österlichen Gruß "Christus ist auferstanden". Aber ihm war auch die tragische Seite der Liebe eigen. Gott übergab seinen geliebten Sohn der Bosheit der Menschen und duldete, daß er gequält und ans Kreuz geschlagen wurde. (Anm. 1) Solche Liebe übte Starez Serafim denen gegenüber, die die religiöse Kraft und das Verlangen zu einem Leben der Vollkommenheit hatten. Zwei solcher, zunächst unverständlich erscheinender Fälle sind uns bekannt geworden. Die Schwester des von dem Starez geheilten Gutsbesitzers Manturow, Ellen, war in das Kloster Diweewo eingetreten. Eines Tages rief sie der Starez zu sich und sagte zu ihr: "Du meine Freude warst mir immer gehorsam. Ich will dir noch einen Dienst des Gehorsams auferlegen. Ich weiß, daß Dein Bruder krank ist und die Zeit seines Sterbens naht, aber er ist nötig für unser Kloster; darum gebe ich dir den Auftrag, an seiner Stelle zu sterben." "Segne mich, Väterchen, zum Sterben" bat die Nonne. Der Starez segnete sie und sprach über das ewige Leben. Plötzlich unterbrach ihn Ellen: "Väterchen, ich fürchte mich zu sterben." "Meine Freude, warum fürchtest du dich? Das Sterben ist Freude für uns" war seine Antwort. Als Ellen den Rückweg antreten wollte, fiel sie bewußtlos an der Schwelle der Hütte nieder. Der Starez besprengte sie mit Weihwasser und sie kam wieder zu sich. aber im Kloster angekommen, wurde sie krank. Sie erzählte der Äbtissin von dem Gespräch mit dem Starez. Nach kurzer Krankheit starb sie im Alter von 34 Jahren. Das war Gehorsam bis zum Tode, der nur von Menschen mit einem starken Willen gefordert werden kann. - Auf einer gußeisernen Platte an der Wand gegenüber dem Altar in der Kirche des Klosters Diweewo ist zu lesen: "Pelagia Serebrennikowa geb. Surina verließ nach dem Segen des Priestermönches Serafim im Gehorsam alles Glück des irdischen Lebens - ihren Mann, ihre Kinder - und nahm auf sich die asketische Übung der Torheit, Verfolgung und Schläge und ließ sich an die Kette legen für Christus. Geboren im Jahre 1809, im Kloster 47 Jahre gelebt und am 3. Januar 1884 zu Gott gerufen im Alter von 75 Jahren". Und weiter unten: "Des Klosters der Heiligen Dreieinigkeit zu Diweewo Serafim des Serafims (Anm. 2), die selige Pelagia". Es handelt sich hier um die Tochter eines reichen Kaufmanns. Eines Tages wurde das kluge, lebensprühende Kind krank, und am andern Morgen zeigte es ein vollkommen verändertes, ganz törichtes Gebaren, das sich nicht wider verlor. Als das Mädchen erwachsen war, wurde es gegen seinen Willen von seiner Mutter an einen Kaufmann verheiratet. Nach ihrer Trauung reiste die junge Braut nach Sarow zu Starez Serafim, der viele Stunden unter vier Augen mit ihr redete und ihr, wie jedem seiner Besucher, beim Abschied etwas schenkte. Über das Gespräch erfuhr niemand etwas. Man kann annehmen, daß der Starez sie segnete für das schwere asketische Leben der Torheit. Danach lag Pelagia tage- und nächtelang auf den Knien im Jesusgebet, aber nach einiger Zeit fing wider ihr törichtes Verhalten an. Ihr Mann versuchte mit gütigem Zureden auf sie einzuwirken, schlug sie schließlich und kettete sie an, aber nichts änderte ihr Wesen. Nach einigen Jahren brachte er sie zu ihrer Mutter, die sie zuerst mit Güte, dann mit großer Strenge behandelte, aber erfolglos. Schließlich reiste sie mit Pelagia zu Starez Serafim und berichtete ihm von allen erfolglosen Maßnahmen an ihrer Tochter. Er aber drohte ihr Gottes Strafe an und verbot ihr, sie zu züchtigen oder in ihrer Freiheit zu beschränken. Vier Jahre nach dem Tode des Starez zog Pelagia auf die Einladung einer Nonne in das Kloster Diweewo und blieb dort bis zu ihrem Tode. Aber auch hier änderte sich ihr törichtes Verhalten nicht, obgleich sie sehr streng behandelt wurde. Den größten Teil des Tages verbrachte sie, das Jesusgebet sprechend, in einer Grube, die sie selbst ausgegraben hatte. Sommer und Winter ging sie barfuß, stand auf Nägeln, ihre Füße verwundend, und nahm sehr selten Wasser und Brot zu sich. Sie war eine sehr starke russische Natur und kannte keine Grenzen in freiwilliger Qual.

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LeerEs gibt Menschen mit einem zwiespältigen Wesen; sie können beten und zugleich in dem Leben "dieser Welt" verbleiben, ohne den Kampf mit ihr aufzunehmen. Einen besonderen Weg der Befreiung von "dieser Welt" wählen die Toren in Christo: den aktiven Kampf mit ihr, ihre aktuelle Verneinung. Ihr Leben wird zur tragischen Szene, die sie spielen für "diese Welt", die von ihnen verlacht wird bis zur absurd geführten Darstellung in ihrem eigenen Leben. Aber ist das der Weg Christi? Wenn wir die letzten Tage seines irdischen Lebens betrachten - seinen Einzug in Jerusalem, auf der Eselin, die von dem unbekannten Besitzer geholt und mit armseligen Kleidern bedeckt wurde, die Begleitung der Kinder und des gemeinen Volkes unter den Schreien "Hosanna, dem Sohne Davids" - und wenn wir den letzten Moment nehmen - die Inschrift über dem Haupte des gekreuzigten Gottessohnes -, ist das nicht alles Torheit in den Augen "dieser Welt"? Und ist es nicht zugleich die Liebe Gottes, die seinem Sohne die Qualen der Torheit auferlegt? Die Inschrift auf der gußeisernen Platte "Serafim des Serafims" zeigt die Torheit dieser beiden erschreckend in unseren Augen. Der hl. Serafim ist ein eigenartiger Starez mit seinen zwei Gesichtern: der rührend Liebende dem Schwachen gegenüber und der unerbittlich Strenge gegen den Starken, der von ganzer Seele das neue Leben sucht. In den Lebensbildern von ihm wird gewöhnlich nur die erste Seite an ihm beschrieben, aber gerade in dieser zwiefachen Art seiner Beziehungen zu den Menschen besteht die Eigenartigkeit seines Starzentums.
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1: Diese Seite der Liebe veranlaßte Raphael zu dem Versuch, in der Sixtinischen Madonna die Tragik der Liebe darzustellen: die Mutter Gottes trägt ihren Sohn, den sie liebt, ganz bewußt hinein in die Bosheit der Welt.
2: Seraphim = der Brennende. Pelagia war entbrannt von dem Wunsche, aus Liebe für Gott zu leiden. In diesem Sinne wurde sie als das geistige Kind des Starez Serafim angesehen.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 02-12-30
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