Der erste der bedeutenden Starzen der dritten Gruppe war a) Leonid. Seine Vorbereitung zum Starzentum begann schon in früher Jugend Durch die besondere Führung Gottes. Von seinem 20. Lebensjahr an fuhr er als Kaufmannsgehilfe in die Dörfer und Kleinstädte Mittelrußlands, um die Waren an die Händler zu verteilen. Auf diesen Fahrten traf er oft stundenlang mit keinem Menschen zusammen und war in der Einsamkeit viel in sich selbst versunken. Ihm selbst noch unbewußt fingen hier seine Übungen im Schweigen an. Die fruchtbaren Felder und tiefen Wälder wurden ihm zum Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen. Seine geschäftlichen Beziehungen brachten ihn in enge Verbindung mit den Händlern, die er größtenteils als gewinnsüchtig und unehrlich kennen lernte. In ihnen eröffnete sich ihm die sündige Seite der Seele auf den verschiedenen Stufen. Sonnabends und Sonntags besuchte er regelmäßig die Abend- und Morgengottesdienste an den Orten, an denen er gerade war. Dichtgedrängt standen die Kleinbürger in den Kirchen der Städte und in den Dorfkirchen die Bauern. Und hier beobachtete Leonid die andere Seite der menschlichen Seele, wenn die Gläubigen in großer Andacht, im Bewußtsein ihrer inneren Unwürdigkeit vor den Ikonen knieten mit dem inbrünstigen Bußgebet "Herr, erbarme dich". Diese wechselnden Erfahrungen riefen in ihm quälende Gedanken wach über das Schicksal der Seele, in die er während seiner zehnjährigen kaufmännischen Tätigkeit tiefe Einblick gewann, und ließen den Entschluß für das mönchische Leben in ihm reifen. Er suchte ein Kloster mit strengen asketischen Übungen und entschied sich für Optina Pustyn. Dort blieb er bis zu seinem Tode (1841). Er wurde Starez für das Volk der Kleinbürger und Bauern, deren Lebensverhältnisse er kennen gelernt hatte, deren Sprache er verstand und die er besonders liebte. Trotz seines strengen Aussehens und aller Strenge gegen sich selbst war er den sündigen Menschen in großer Güte zugetan. In ihren Sünden sah er ihre Krankheit, die nicht Strafen, sondern nur Liebe heilen konnte. Ein Beispiel dafür, wie das einfache Volk an ihm hing, finden wir in einem Bericht des Archimandrit Leonid, der, als er noch Offizier der Garde war, einmal Optina Pustyn besucht hatte: "Auf meiner Rückkehr von Optina Pustyn rastete ich in einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Koselsk. Als die Bauern erfuhren, daß ich in Optina Pustyn war, umringten sie mich sogleich und fragten, eifrig durcheinander sprechend, nach dem Starez Leonid. Auf meine verwunderte Frage, woher sie ihn kennten, antworteten sie mir: "Wie sollten wir Väterchen Leonid nicht kennen? Er ist für uns Arme und Unwissende wie ein Vater, ohne ihn wären wir ganz verwaist". Das Volk kannte ihm, weil er für das Volk da war und es seine helfende Liebe vielfach erfahren hatte.

b) Die Starzen für die gebildete Schicht des russischen Volkes sahen ihre Aufgabe darin, die atheistische Welle, die immer mehr die russische Kultur umspülte, aufzuhalten. Starez Makarij in Optina Pustyn wollte ihr ganz bewußt die christliche Kultur entgegensetzen. Er war weniger bekannt im Volke, aber um so mehr unter Professoren, Gelehrten und Schriftstellern. Zu seiner Zeit (+ 1860) wurde Optina Pustyn zu einer kleinen starken Festung im Kampf um die russische Seele, und in der Zelle des Starez sammelte sich gewissermaßen der Generalstab. Hier waren viele religiöse Bücher und Handschriften angesammelt (hauptsächlich solche aus dem Moldau-Kloster des Paisij Welitschkowskij); hier diskutierte man die Fragen der Übersetzung bestimmter griechischer Terminen; hier plante man die Herausgabe der übersetzten Bücher (die durch Regierungsverordnungen außerordentlich erschwert wurde) und ihre Verbreitung durch Studenten und Mönche. Die Zelle des Starez war aber zugleich das Sprechzimmer für Heilung und Rat suchende Kulturmenschen, die der Kirche entfremdet waren und durch Makarij einen neuen Zugang zu ihr fanden (Kliment Söderholm, Leontjew u. a.). Durch den großen Briefwechsel mit Menschen, die niemals den Starez gesehen hatten, und mit den Klöstern, besonders den Nonnenklöstern, gingen die Fäden durch ganz Rußland. Der bedeutendste russische Schriftsteller der christlichen Philosophie, Kireewskij, der früher ein Anhänger von Hegel war, schrieb einmal: "Viel wichtiger als alle Bücher und die besten Gedanken ist es, einen orthodoxen Starez zu finden, dem man alle seine Gedanken beichten kann und von dem man nicht die eigene Meinung hört, sondern die Beurteilung der hl. Väter. Solche Starzen sind, Gott sei Dank, noch nicht ausgestorben in Rußland." Auf seinen Wunsch wurden in seine Grabplatte die Worte eingemeißelt: "Ich liebte die Weisheit und strebte von meiner Jugend an nach ihr, aber ich erkannte, daß man sie nicht aus den Büchern erfassen kann, sondern nur durch die Gnade Gottes, und darum bin ich zu Gott gegangen." Diese Worte charakterisieren nicht nur das geistige Leben dieses russischen Gelehrten, der einen verwickelten Weg von Hegels und Schellings Auditorien bis zur Zelle des Starez gegangen war, sondern sie beleuchten auch die Bedeutung der Starzen in der russischen Kultur.

c) Starez Ambrosij (1812-91) fühlte mit seinem empfindsamen Ohr und mit seinem durchdringenden Blick schon lange vorher das über Rußland heraufziehende Gewitter (Revolution 1917). Es befriedigte ihn deshalb nicht, die Arbeit des Starez Leonid oder seines Lehrers Makarij einfach weiterzuführen; er sah seine Aufgabe vielmehr darin, das russische Volk auf dieses schreckliche Ungewitter vorzubereiten und es zu befähigen, der Gefahr entgegenzutreten und sie mit dem Mut des Glaubens zu bekämpfen. In dieser Vorausschau konzentrierte er seine Aufmerksamkeit - wie lange vor ihm schon Serafim von Sarow - auf die russische Frau. Ebenso wie dieser baute er ein Nonnenkloster (Schamardino). Beide hatten sich in großer Sorge der geistigen Erziehung der Frau gewidmet. Das war keine zufällige Erscheinung, sondern die Erkenntnis der großen Bedeutung der Frau im Kampfe mit dem Materialismus und dem Atheismus. Von der Renaissance an wurde die Welt mehr und mehr der Führung des Verstandes untergeordnet und ihre qualitative Weite und ihre Tiefe wurden übersehen. Hier ist die Quelle des Materialismus und Atheismus, dieser prometheischen und männlichen Kultur. Der Widerstand gegen sie bewahrte sich nur in der Seele der Frau, in der die Fähigkeit zum intensiven und tiefen Aufnehmen des Seins nicht verloren ging. Nicht umsonst stellten die Marxisten die Frauenfrage und -emanzipation in den Vordergrund ihrer Propaganda. Alle ihre Bemühungen waren darauf gerichtet, die natürliche Innerlichkeit der Frau zu ersticken und ihre Seele in eine männliche zu verwandeln. In ihrer Vorausschau erkannten die Starzen, daß es außer der Umerziehung des Verstandes (Hauptziel des Starez Makarij) nötig ist, durch die Erweckung der Fähigkeit zur Vertiefung in sich und durch das Gebet (Arbeit der Starzen Serafim von Sarow, Makarij und Ambrosij) die Seele der Frau zu bewahren und zu pflegen. Wie ausschlaggebend das Herz der Frau ist, wird deutlich an dem Beispiel der Frau des Gelehrten Kireewskij, die ihren Mann von dem Einfluß Hegels und Schellings unter den des hl. Ephraim Syrien führte. Starez Ambrosij sah ganz klar voraus, welche Rolle der Frau in der Rettung der Welt, und insbesondere Rußlands, aus der Dunkelheit zukommt.

Zur vierten Gruppe gehört vornehmlich Bischof Feofan Klausner von Wyschen. Als Sohn eines Dorfpriesters im Gouvernement Orel erhielt er die in diesem Stande gewöhnliche Ausbildung eines Priesters. Aber der begabte Jüngling strebte weiter und absolvierte noch die Geistliche Akademie in Kiew. Dort fiel er von Anfang an durch sein gütiges, sanftmütiges Wesen, aber zugleich auch durch seine große Schüchternheit auf. Noch vor dem Abschluß seiner Studien wurde er Mönch. Nach der Beendigung seines Studiums nahm sein Leben den gewöhnlichen Verlauf der akademisch gebildeten Mönche, er wurde Lehrer an einem Seminar und dann Professor an der Akademie, aber die Lehrtätigkeit war ihm nach seinen eigenen Worten "unerträglich schwer". Nicht das abstrakte, sondern das konkrete Leben zog ihn an. Auf seine Bitte hin bekam er die Erlaubnis zu einer Palästinareise; er blieb dort in der Missionsarbeit sieben Jahre. Nach seiner Rückkehr wurde er Rektor des Seminars in Olonezk, weiter Vorsteher der Gesandtenkirche in Konstantinopel und schließlich Rektor der Akademie in Petersburg. Wieder befand er sich also in der ihm "unerträglich schweren Arbeit". Alle diese Dienstaufträge folgten in schnellem Wechsel. Im Jahre 1863 wurde er im Alter von 48 Jahren Bischof von Tambow; und vier Jahre später wurde er als Bischof nach Wladimir versetzt. Die Unstetigteit seiner Arbeit veranlaßte ihn zu einer Bitte an die Synode, um die Erlaubnis, in das Wischinskaja Pustyn als einfacher Mönch eintreten zu dürfen. "Ich habe den Wunsch, der Kirche zu dienen, aber in meiner Art", sagte er damals. "Sechs Jahre", so berichtet ein Augenzeuge, "gab er sich inbrünstig dem Gebet hin, er besuchte alle Gottesdienste wie ein gewöhnlicher Mönch, während der Gottesdienste stand er aufrecht wie ein Krieger, mit geschlossenen Augen." 1872 brach er alle persönlichen Beziehungen zu den Menschen ab und schloß sich in seine Zelle ein; so verharrte er bis an sein Lebensende. Seine Schüchternheit ließ den Entschluß in ihm reifen, nur noch im Briefwechsel mit den Menschen zu verkehren. Die Säkularisation, der Materialismus und der Sozialismus waren zu dieser Zeit schon in Rußland eingedrungen und Feofan war zu der Erkenntnis gekommen, daß die Intellektuellen einer besonderen Seelsorge bedürfen. Sie waren nicht mehr der einfachen, von Herzen kommenden Führung zugänglich wie das Volk; ihnen mußte stufenweise und systematisch klargemacht werden, was Sünde ist, und daß es gilt, den Kampf mit ihr aufzunehmen. Feofan war durch seine wechselnde berufliche Tätigkeit in verschiedenen Teilen Rußlands besonders unter den Gebildeten bekannt geworden, und so kam er mit vielen von ihnen in Briefwechsel, den er zu ihrer geistlichen Führung benutzen wollte. Seine Briefe tragen einen systematischen Charakter, ohne daß darin Zugeständnisse an den Rationalismus gemacht wurden. Feofan versuchte vielmehr, die Menschen zur Überwindung des Rationalismus zu führen, immer die Bedeutung des inneren Lebens betonend. Seine ethischen Beratungen stellen gewissermaßen eine Stufenleiter dar, die von den einfachsten Aufgaben zu den kompliziertesten führt, entsprechend der Individualität seiner geistlichen Kinder. Aber solche Differenzierung ist bei ihm nur Methode, nicht das letzte Ziel seiner geistlichen Führung. Indem er ihre Individualität unterstreicht, will er die Menschen vor dem Absinken in die Masse bewahren. Der systematische Charakter und die Konsequenz seiner Wegweisung in seinen Briefen machten diese für bestimmte Empfänger zu einem geschlossenen Ganzen. Ihm gaben sie das Material für seine Werke ("Weg zur Rettung", "Briefe über das christliche Leben" u. a.), in denen er nicht nur den Weg zur Rettung, sondern diesen in allen möglichen Variationen zeigte. Wenn auch seine Methode eine andere war, so führte er doch die religiöse Arbeit des Paisij Welitschkowskij und der Starzen in Optina Pustyn auf seine Weise fort.

Das Ziel des Starzentums war es nicht - und auch das der heutigen Seelsorge sollte es nicht sein -, einzelne Seelendefekte des Menschen zu heilen, sondern ihm zu seiner vollkommenen Umwandlung zu helfen. Diese muß in seinem Innersten beginnen, indem er dem göttlichen Geist in sich Gehör schenkt, seine Seele ihm unterordnet und seinen Leib der Seele. So vollzieht sich des Menschen Wiedergeburt. Sie gründet sich auf Tod und Auferstehung Christi, und nur auf diesem Grund kann der Mensch mit einem gestörten Seelenleben seine Rettung bauen. Er bedarf dabei der Hilfe und Führung derer, die selbst diesen Weg gegangen find. Darum sagte auch der hl. Serafim von Sarow: "Rette zuerst dich selbst, dann werden neben dir viele gerettet."
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3: Wie kann man das Leben des heiligen Franz von Assisi verstehen, der sich berufen fühlte, ein neuer Narr in der Welt zu sein? Solche Narrheit ist ein Geheimnis der Transsubstantiation des Menschen, der die gottlose Welt negiert, weil er von Gottes Liebe entbrannt ist. (Über die Torheit des Franz von Assisi s. bei Walter Nigg: "Große Heilige", S. 31-87.)
Evangelische Jahresbriefe 1952 (S. 188-197)
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